Das Projekt KOLOT – קולות – STIMMEN wurde 2024 als dokumentarisches und künstlerisches Vorhaben gegründet. Seither sammelt es Stimmen und entwickelt daraus narrative Videointerviews, die die Folgen der Massaker thematisieren und die Wirkung von Gewalt in jüdischen Biografien nachzeichnen. Die im Rahmen von KOLOT produzierten Videos sind zeitgeschichtliche Zeugnisse jüdischen Lebens in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023.
Für die Wiedergabe wird eine stabile Internetverbindung empfohlen.
Der 7. Oktober 2023 markiert eine tiefe Bruchstelle für die jüdische Gemeinschaft.
2024 gründete Marina Chernivsky das Projekt KOLOT, mit dem Ziel, ein zeitgeschichtliches Archiv zu entwickeln. In narrativen Videointerviews reflektiert das Projekt die Folgen des terroristischen Angriffs und beleuchtet die Gleichzeitigkeit und Nachwirkungen von Gewalt in jüdischen Biografien.
Das mit dem ELNET Award 2025 ausgezeichnete Projekt KOLOT zählt zu den ersten in Deutschland und Europa, die sich in dokumentarischer und künstlerischer Form mit dem 7. Oktober 2023 und seinen Auswirkungen auf die jüdische Gemeinschaft auseinandersetzen.
Die im Rahmen des Projekts entstandenen Videos bilden ein Mosaik persönlicher Erzählungen – individuelle Stimmen, die zugleich kollektive Zeugnisse jüdischen Lebens in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 abbilden.
KOLOT ist aus dem Anspruch der Zeugenschaft heraus entstanden und aus dem Bewusstsein einer Verantwortung: jüdische Stimmen hör- und sichtbar zu machen und sie zu bewahren. Indem den Erfahrungen sprachlich und medial Ausdruck verliehen wird, entsteht ein Akt der Selbstermächtigung.
Eröffnet wurde das Projekt im Oktober 2024 mit einer Auftaktveranstaltung im Jüdischen Museum Berlin. Im August 2025 werden die ersten Interviews erstmals in voller Länge veröffentlicht. Im November 2025 verlieh ELNET den Preis in der Kategorie Kultur an KOLOT.
Die Videointerviews von KOLOT gehen in die Sammlung des Jüdischen Museums Berlin ein. Das Projekt knüpft damit an die Tradition der oral history an, um jüdisches Erinnern als Zeugenschaft und als aktive Praxis festzuhalten.
Geplant sind 20 Videointerviews. Die Fortsetzung des Projekts ist angestrebt.
Das Projekt wird von OFEK e.V. getragen und durch die Förderung des Bundesministeriums des Innern ermöglicht.

Mehr Informationen folgen demnächst.
Der Trägerverein von KOLOT, OFEK e.V., ist die erste Fachberatungsstelle in Deutschland, die auf Antisemitismus und Communitybasierte Betroffenenberatung bei Gewalt und Diskriminierung spezialisiert ist. OFEK arbeitet bundesweit und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: 1.) fallbezogene Betroffenenberatung, 2.) Stärkung und Empowerment der Community, 3.) antisemitismuskritische Beratung für Institutionen, 4.) Advocacy und fachpolitische Interessensvertretung.
OFEK ist erreichbar über die bundesweite Hotline und verfügt über Beratungsstandorte in Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (im Aufbau). OFEK berät vertraulich und kostenfrei zum Umgang mit antisemitischen Vorfällen. Die Beratung von Betroffenen orientiert sich an den fachspezifischen Qualitätsstandards professioneller Opfer- und Antidiskriminierungsberatung. OFEK leistet Beratung zu rechtlichen Möglichkeiten im Umgang mit Antisemitismus, psychosoziale Betroffenenberatung bei Vorfällen und psychologische Beratung und Krisenintervention, fallbezogene Öffentlichkeitsarbeit und vermittelt bei Bedarf professionelle weiterführende Angebote. OFEK berät ungeachtet der strafrechtlichen Relevanz, stärkt die Ratsuchenden, richtet den Blick auf Handlungsmöglichkeiten und berücksichtigt in der Beratung familienbiografische Erfahrungen mit Antisemitismus und Diskriminierung. Fallbezogene Beratung ist stets parteiisch im Auftrag der Betroffenen und orientiert sich an ihren Wünschen und Bedürfnissen. Alle Angebote können auf Deutsch, Hebräisch, Russisch und Englisch in Anspruch genommen werden.
OFEK bietet darüber hinaus stärkende Gruppenberatung und passgenaue Empowerment-Formate an und leistet Awareness-Begleitung von Veranstaltungen. An Institutionen im Kultur- und Bildungsbereich, Verwaltungen und zivilgesellschaftliche Träger:innen richten sich OFEK-Formate der institutionellen Fachberatung zu Schutzkonzepten, Notfallplänen und Interventionsmanagement sowie zahlreiche Weiter- und Fortbildungsformate.
Presseanfragen: presse@ofek-beratung.de | +49 176 46 29 46 08
Es braucht nur Mut. Jüdische Allgemeine, 26.11.2025 (Link)
CPPD-Podcastfolge ERINNERUNGSFUTUR: Nicole Schweiß im Gespräch mit Marina Chernivsky. DialoguePerspectives Podcast, 04.09.2025 (Spotify | Apple Podcasts)
Über die Zäsur sprechen. Jungle World, 21.08.2025 (Link)
KOLOT – קולות – Jüd:innen in Deutschland die Stimme(n) zurückgeben. Radio Corax, 07.08.2025 (Link)
Das »Ofek«-Projekt »Kolot« dokumentiert Erfahrungen von Jüdinnen und Juden aus Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Jüdische Allgemeine, 07.08.2025 (Link)
Psychologin: Seit 7. Oktober leben Juden in “paralleler Realität”. Katholische Nachrichtenagentur, 06.08.2025 (Link zum Artikel in der Evangelischen Zeitung)
Projekt „Kolot“: Jüdinnen und Juden erzählen von Erfahrungen nach dem 7. Oktober. Deutschlandfunk/Tag für Tag, 06.08.2025 (Link).
Videoprojekt sammelt deutsch-jüdische Stimmen zum Nahostkonflikt. WDR 3 Mosaik, 06.08.2025 (Link)
OFEK startet Portal mit jüdischen Stimmen zu den Folgen des 7. Oktober. Evangelischer Pressedienst, 04.08.2025 (Link zum Artikel in der Jüdischen Allgemeine)
Gesammelte Stimmen – Projekt „Kolot“ erfasst Zeugnisse zum 7. Oktober. Deutschlandfunk Kultur/Aus der jüdischen Welt, 28.02.2025 (Link)
Angaben gemäß §5 TMG
OFEK e.V. Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung
Registergericht: Amtsgericht Charlottenburg
Vereinsregister: VR 37581 B
Steuernummer: 27 / 674 / 51693
Veranwortliche im Sinne des Presserechts: Marina Chernivsky
Kontakt:
Tel: +(49) (0) 30 221 84 076
Email: kontakt[at]ofek-beratung.de
Postfach 58 03 16
10413 Berlin
Vertretungsberechtigte Personen im Vorstand/Geschäftsführung:
Marina Chernivsky, Vorstand und Geschäftsführung
Tel: (+49) (0)176 22508407
Email: chernivsky[at]ofek-beratung.de
Postfach 58 03 16
10413 Berlin
Haftung für Inhalte
Als Diensteanbieter sind wir gemäß § 7 Abs.1 TMG für eigene Inhalte auf diesen Seiten nach den allgemeinen Gesetzen verantwortlich. Nach §§ 8 bis 10 TMG sind wir als Diensteanbieter jedoch nicht verpflichtet, übermittelte oder gespeicherte fremde Informationen zu überwachen oder nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen.
Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen bleiben hiervon unberührt. Eine diesbezügliche Haftung ist jedoch erst ab dem Zeitpunkt der Kenntnis einer konkreten Rechtsverletzung möglich. Bei Bekanntwerden von entsprechenden Rechtsverletzungen werden wir diese Inhalte umgehend entfernen.
Haftung für Links
Unser Angebot enthält Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalte wir keinen Einfluss haben. Deshalb können wir für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.
Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Links umgehend entfernen.
Urheberrecht
Die durch die Seitenbetreiber erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung des jeweiligen Autors bzw. Erstellers. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet.
Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht vom Betreiber erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet. Insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Inhalte umgehend entfernen.
Stand: 17. Juni 2025
Verantwortlicher
OFEK e.V. Beratungstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung
Registergericht: Amtsgericht Charlottenburg
Vereinsregister: VR 37581 B
Umsatzsteuer-Indentifikationsnummer: 27 / 674 / 51693
Postfach 58 03 16
10413 Berlin
Vertretungsberechtigte Personen: Geschäftsführung: Marina Chernivsky
E-Mail-Adresse: kontakt[at]ofek-beratung.de
Telefon: (+49) (0)30 221 84 076
Kontakt Datenschutzbeauftragter
datenschutz@ofek-beratung.de
Datenverarbeitung auf dieser Internetseite
Diese Internetseite verwendet teilweise so genannte Cookies. Cookies richten auf Ihrem Rechner keinen Schaden an und enthalten keine Viren. Cookies dienen dazu, unser Angebot nutzerfreundlicher, effektiver und sicherer zu machen. Cookies sind kleine Textdateien, die auf Ihrem Rechner abgelegt werden und die Ihr Browser speichert.
Die meisten der von uns verwendeten Cookies sind so genannte “Session-Cookies”. Sie werden nach Ende Ihres Besuchs automatisch gelöscht. Andere Cookies bleiben auf Ihrem Endgerät gespeichert bis Sie diese löschen. Diese Cookies ermöglichen es uns, Ihren Browser beim nächsten Besuch wiederzuerkennen.
Mithilfe des Cookie-Banners können Sie sich zu Beginn Ihres Besuchs und jederzeit über die von uns und unseren Dienstleistern eingesetzten Cookies informieren und einstellen welche Cookies verwendet werden dürfen bzw. Ihre Einwilligung zum Einsatz von Cookies erteilen, soweit dies rechtlich erforderlich ist.
Außerdem können Sie Ihren Browser so einstellen, dass Sie über das Setzen von Cookies informiert werden und Cookies nur im Einzelfall erlauben, die Annahme von Cookies für bestimmte Fälle oder generell ausschließen sowie das automatische Löschen der Cookies beim Schließen des Browsers aktivieren. Bei der Deaktivierung von Cookies kann die Funktionalität dieser Internetseite eingeschränkt sein.
Cookies, die zur Durchführung des elektronischen Kommunikationsvorgangs erforderlich sind, werden auf Grundlage von Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO auf Grund des berechtigten Interesses des Anbieters gespeichert. Der Anbieter hat ein berechtigtes Interesse an der Speicherung von Cookies zur technisch fehlerfreien und optimierten Bereitstellung seiner Dienste. Soweit andere Cookies (z.B. Cookies zur Analyse Ihres Surfverhaltens) gespeichert werden, werden diese in dieser Datenschutzerklärung gesondert behandelt.
Datenverarbeitung im Rahmen von Presseanfragen und allgemeinen Anfragen
Zur Beantwortung von Presseanfragen an presse[at]ofek-beratung.de und allgemeinen Anfragen an kontakt[at]ofek-beratung.de verarbeiten wir folgende personenbezogenen Daten um Kontakt mit Ihnen herstellen und Ihre Fragen beantworten zu können:
Wir verarbeiten diese Daten auf der Rechtsgrundlage von Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO da es in unserem berechtigten Interesse liegt Öffentlichkeitsarbeit im direkten Kontakt mit entsprechend interessierten Stellen zu betreiben.
Der Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten in diesem Rahmen können Sie jederzeit widersprechen. Dafür stehen Ihnen die oben angegebenen Kontakte zur Verfügung.
Die Daten werden gelöscht sobald Ihre Anfragen umfassend beantwortet worden sind.
Weitere Hinweise zu Verarbeitungsprozessen, Verfahren und Diensten:
Rechte der betroffenen Personen
Rechte der betroffenen Personen aus der DSGVO: Ihnen stehen als Betroffene nach der DSGVO verschiedene Rechte zu, die sich insbesondere aus Art. 15 bis 21 DSGVO ergeben:
Änderung und Aktualisierung
Wir bitten Sie, sich regelmäßig über den Inhalt unserer Datenschutzerklärung zu informieren. Wir passen die Datenschutzerklärung an, sobald die Änderungen der von uns durchgeführten Datenverarbeitungen dies erforderlich machen. Wir informieren Sie, sobald durch die Änderungen eine Mitwirkungshandlung Ihrerseits (z. B. Einwilligung) oder eine sonstige individuelle Benachrichtigung erforderlich wird.
Sofern wir in dieser Datenschutzerklärung Adressen und Kontaktinformationen von Unternehmen und Organisationen angeben, bitten wir zu beachten, dass die Adressen sich über die Zeit ändern können und bitten die Angaben vor Kontaktaufnahme zu prüfen.
Dieser Tag hat vieles für mich verändert. Er hat meine Sicht auf die Welt verändert. Es hat auch mein persönliches Sicherheitsgefühl verändert, obwohl ich hier in Berlin bin – mein zweites Zuhause ist Sderot. Und obwohl ich in einer Realität aufgewachsen bin, in der es immer Gefahren gibt – eine Gefahr in der schrecklichen Form, wie sie am 7. Oktober über uns hereinbrach, hätte ich nie gedacht, dass es jemals geben würde. Es ist… meine ganze Welt hat sich einfach an einem einzigen Tag auf den Kopf gestellt. Mein ganzes Leben lang – oder zumindest seit meiner Jugend – befand ich mich immer wieder in gefährlichen Situationen – alle möglichen Situationen, von denen die meisten natürlich mit Sicherheitsrisiken zu tun hatten, mit der Gefahr durch die Kassam-Raketen in Sderot, als Einwohnerin Sderots. Und später in der Armee im Zweiten Libanonkrieg. Am 7. Oktober war ich selbst nicht in Sderot – ich war in Berlin in meinem zu Hause, aber meine Eltern waren dort und so viele Freunde und Cousins und Familie, Bekannte, Lehrer, eine ganze Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin, und mit der ich immer noch verbunden war. Denn obwohl ich hier lebte, war ich etwa zwei Monate im Jahr in Sderot. Also… Ich habe in meinem Leben Gefahr erlebt, aber noch nie in einem solchen Ausmaß, dass ich das Gefühl hatte, dass… Entschuldigung, dass… ich das Gefühl hatte, dass… ich kein Zuhause mehr habe, in das ich zurückkehren kann. Dass ich nicht – ich habe einen Sohn, der bald drei Jahre alt wird –
und dass ich ihn nicht in sein zweites Zuhause mitnehmen kann. Ich hatte einfach mein Zuhause verloren. Und die Welt hat sich an diesem Tag wirklich verändert.
Und ich erinnere mich, wie ich an diesem Tag aufgewacht bin. Das war nichts Neues für mich, dass es in der Familien-WhatsApp-Gruppe, besonders an den Wochenenden, am Shabbat, es morgens so viele Nachrichten gibt. Denn wir haben ja schon oft Situationen erlebt, in denen Kassam-Raketen in Sderot einschlagen. Und dann – obwohl ein Teil meiner Familie religiös ist – brechen wir natürlich den Shabbat, um auf dem Laufenden zu bleiben und sicherzustellen, dass vor allem meine Eltern – die „Vollzeit“ in Sderot leben – dass sie so weit in Ordnung sind. Normalerweise schaue ich mir die Unterhaltung an und gehe wieder schlafen, weil ich das schon kenne. An diesem Samstag – ich weiß nicht warum – hörte ich diese Pieptöne, diese Klingeltöne, und nahm an, dass es bestimmt darum geht, und sagte mir: „Gut, das wird bald vorbei sein – lass uns weiterschlafen.“ Und ich schlief weiter. Ich umarmte meinen Sohn, der noch bei uns schlief… Aber es hörte nicht auf, das Klingeln hörte nicht auf, die Nachrichten hörten nicht auf anzukommen – und das war schon seltsam. Ich schaute auf das Telefon und das Erste was ich sah, war ein Video, das meine Nichte geschickt hatte, von einem weißen Pick-Up der in der Nebenstraße der Straße meiner Eltern stand, mit Terroristen, mit RPGs, und in diesem Moment dachte ich für keinen Augenblick, dass dies der 7. Oktober sei, den alle kennen. Ich dachte, dass eine Terrorzelle eingedrungen sei – was in der Vergangenheit schon passiert ist – und neutralisiert wurde – nicht sofort, aber innerhalb kurzer Zeit. Also war ich natürlich sehr um meine Eltern besorgt und schrieb ihnen, sie sollten im Schutzraum bleiben und sie sagten, sie seien dort seit des ersten Raketenalarms. Den Schutzraum verließen sie drei Tage nicht und das Haus acht Tage nicht. Anstatt ein paar Minuten dort zu verbringen, wie wir es in den letzten mehr als zwanzig Jahren gewohnt sind, für ein paar Minuten in den Schutzraum zu gehen und dann wieder herauszukommen – normalerweise, wenn man den Einschlag der Rakete hört – blieben sie ohne jedwede Möglichkeit sich darauf vorzubereiten, drei Tage lang im Schutzraum mit sehr wenig Wasser, fast ohne Essen, ohne Strom, unter wahnsinniger Hitze. Obwohl es Oktober war, ist es in Sderot in Israel heiß. Und es dauerte acht Tage, bis es gelang sie aus dem Haus zu retten. Als sie am achten Tag tatsächlich darauf bestanden, dass sie gerettet werden, wagte es mein Vater als ehemaliger Polizist – er war sogar Kommandant in Rafah, daher kennt er Gaza und die Gegend sehr gut. Er ging in den Garten, um etwas Luft zu schnappen und zu sehen was los ist – es war schon der achte Tag, den sie im Haus festsaßen – und er sieht einen Terroristen vor sich rennen und hatte großes Glück, dass auch Polizisten dort waren, die ihn verfolgten. Es war bereits der achte Tag, also waren mehr Kräfte vor Ort, die den Terroristen vor den Augen meines Vaters neutralisierten. Und es war bereits der achte Tag. Dann rief meine Mutter wirklich bei der Stadtverwaltung an und bat darum, dass man sie endlich wegbringt. Vorher waren sie, sie waren so…Meine Eltern sind sehr sozial engagiert. Er als Polizist und sie als ehemalige Sozialarbeiterin und Leiterin eines Seniorenclubs, sorgte sie dafür, dass alle ihre Senioren zuerst in Hotels kamen, dass sie aus der Stadt gebracht werden, denn eigentlich konnte man die Stadt nur mit schwerer militärischer Begleitung verlassen. Denn die Kämpfe in der Stadt dauerten länger als eine Woche. Es war nicht so, dass es nur ein Tag dauerte und dann alle die Situation unter Kontrolle hatten. In den Städten, insbesondere in Sderot, Ofakim, …hat es eine Weile gedauert. Und dann konnte es meine Mutter nicht mehr aushalten und sagte: „Okay, es ist Zeit für uns. Wir haben anderen Vortritt gelassen – Älteren, Familien mit Kindern. Jetzt wollen auch wir hier weg.“ Sie kamen für etwa zwei Wochen zu meinen Brüdern nach Dimona und wurden dann in ein Hotel gebracht. Erst dann brachte man sie in ein Hotel in Arad, wo sie fünf Monate blieben. Dann kamen sie zurück, weil sie einfach nicht mehr konnten. Sie vermissten sehr ihr Zuhause, mein Zuhause, ihr Zuhause, etwas, auf das sie jahrelang hingearbeitet hatten, um es zu erlangen. Und das, obwohl die Kassam-Raketen immer eine Realität waren – sie fühlten sich sicher. Sderot ist unser Zuhause, ist unser aller Zuhause. Auch wenn ich hier in Berlin lebe, so ist mein Herz immer noch in Sderot, deshalb habe ich meine Buchvorstellung ganz selbstverständlich in Sderot abgehalten, weil ich immer noch sehr mit dieser besonderen Stadt verbunden bin. Und auch wenn sie zurückgekommen sind, hatten sie – und haben immer noch – mit sehr, sehr vielen Angstzuständen und sehr viel Stress zu kämpfen. Furcht. Ich versuche ihnen in den letzten Monaten zu helfen. Aber wenn, wenn… wir zum Morgen des 7. Oktober zurückkehren – anscheinend bin ich vom Thema abgekommen, aber ich hatte einen Grund dem auszuweichen. Ich kenne mich schon. Und es war mir gerade vielleicht angenehmer auf logistische Dinge einzugehen, als über Gefühle zu sprechen.
Also kehre ich zum Bericht über diesen Morgen zurück. Ich sitze auf dem Bett und sehe dieses Video von einem Pick-Up mit Terroristen. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie. Fange an Nachrichten von Freunden zu bekommen. „Habt ihr meinen Schwager gesehen? Habt ihr meinen Vater gesehen? Meine Brüder?“ Wir haben in diesen Tagen, den ersten nach dem 7. Oktober, angefangen – auch in Berlin – habe ich ständig Krankenhäuser angerufen und nach Namen gefragt. Leider war keiner dieser Namen im Krankenhaus, weil er nur verletzt war. Ich kenne einen Mann der verletzt wurde und überlebte. Alle anderen wurden entweder ermordet – und es dauerte einfach sehr lange, bis sie identifiziert werden konnten – oder sie wurden nach Gaza entführt und einige wurden freigelassen und von einigen wissen wir, dass ihre Leichen dort sind. Über dreißig Menschen aus meiner Gemeinde, die ich kenne. Irgendwie – es sind Lehrer von mir, zum Beispiel meine Englischlehrerin. Sogar Verwandte. Und etwa anderthalb Stunden nach dem Video mit dem Pick-Up schickt mir mein Vater eine Nachricht – nicht in der Familiengruppe, sondern in einer privaten Nachricht. Er sagt mir: „Die Situation ist ernster, es ist mehr als ein Pick-Up.“ Also frage ich ihn: „Was? Was könnte das sein?“ Ich konnte es mir nicht vorstellen. Er sagt mir, dass er ein Bild von seiner Schwester bekommen hat, das im Umlauf ist, denn eigentlich waren alle Bilder, alle Videos, alles war im Umlauf und für alle zugänglich. Gott sei Dank habe ich kein Telegram. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber bis heute habe ich viele, viele, viele Bilder und Videos gesehen, mit denen ich leben muss.
Er schickt mir ein Bild von einem meiner Lieblingsorte in Sderot – der Stadtbibliothek. Anderthalb Monate früher war ich dort mit meinem Sohn. Am Eingang gibt es Obst, große Obstskulpturen, und ich spielte mit ihm. Meine ganze Kindheit war ich in der Bibliothek. Ich habe so gerne gelesen – ich war eine kleine „Nerdin” – sodass ich die Ausweise aller Familienmitglieder benutzte, um zehn Bücher pro Woche mit nach Hause nehmen zu können. Also verbrachte ich – die Bibliothekarin war eigentlich meine Babysitterin, ohne dafür bezahlt zu werden, weil ich dort viel Zeit verbracht habe, also ist es für mich ein sehr, sehr wichtiger Ort. Und immer, wenn ich meine Augen schließe – bis zum 7. Oktober – wenn ich meine Augen schließe und an die Stadtbibliothek in Sderot denke, dann ist da Glück, es ist ein sicherer Ort.
Und mein Vater schickt mir am 7. Oktober ein Foto vom Schutzbunker, der daneben steht. Außerhalb des Schutzbunkers und darin – auf dem Foto sieht man Menschen, denen in den Kopf geschossen wurde, die versuchten zu fliehen. Und voller Blut, voller Blut. Und in diesem Moment wurde mir klar, dass hier etwas anderes vor sich geht. Ich bin Teil dessen, was an diesem Tag passiert ist. Ich musste mich sogar zurückerinnern und überhaupt an die Wochen danach, denn vieles davon war irgendwie verschwommen. Und ich wusste ziemlich schnell, dass ich das Bewusstsein dafür schärfen wollte, denn hier in Berlin ging das Leben, egal wohin ich ging, auf sehr schmerzhafte Weise weiter, wie immer. Selbst bei den Menschen, die mir nahestehen und in meiner Umgebung sind.
Und dann begann ich… als man mir ein Interview anbot, als jemand, der aus Sderot kommt, dessen Eltern… Ich wurde interviewt, ich glaube, für eine der Zeitungen hier, als ich… Es waren zwei, drei Tage danach, als meine Eltern immer noch nicht sicher, immer noch im Schutzraum waren. Und wenn ich sie über WhatsApp anrufe – und so war es auch am 7. Oktober, aber auch zwei, drei Tage später – höre ich draußen Schüsse. Sie haben mich eigentlich stummgeschaltet, damit – Gott bewahre – die Terroristen, die an den Häusern, an ihrem Haus vorbeigehen, nichts hören, kein Geräusch hören. Und ich sehe meine Mutter auf der Kamera – ich sehe sie fast nicht, weil es ein dunkler Raum ist, aber es gab ein wenig Licht, das durch die Ritzen hereindrang – und ich sehe sie verängstigt und ich bin mit ihr zusammen verängstigt. Es ist fast so, als wäre ich mit ihnen im Schutzraum, obwohl ich das natürlich nicht war. Und während all dem bin ich mit ihnen über WhatsApp in Kontakt und versuche, mich über Freunde und Bekannte zu informieren und den Menschen zu helfen. Ich hatte, Gott sei Dank, keine Ahnung, was wirklich passiert war, denn ich glaube, ich wäre zusammengebrochen, wenn wir wirklich gewusst hätten, was passiert ist, als es passiert ist. Man kann das nicht, man kann das nicht verkraften.
Und was ich gemacht habe, war, Zeitungen Interviews zu geben. Ich erinnere mich, dass ich einige Monate später las, dass ich zum Beispiel für ein Buch interviewt wurde, das im Oktober herauskommt, das sich mit Deutschland nach dem 7. Oktober beschäftigt, und als ich las, was ich zu dem Buch gesagt hatte, als ich es vor der Veröffentlichung durchsehen durfte, war ich schockiert, dass… weil ich mich nicht daran erinnern konnte, ich konnte mich an vieles nicht erinnern. An Dinge, die ich gesagt hatte, oder daran, wie ich mich verhalten hatte. Die Angst, die ich hatte, wenn wir, wenn ich das Haus verließ und Angst um mich und mein Kind hatte. In der Zeit danach herrschte große Ungewissheit. Und die ganze Zeit über gab es den Versuch, zu helfen, das heißt, ich muss mein Leben hier weiterleben und trotzdem versuchen dort zu helfen. Und… Entschuldigung. Und dann erinnere ich mich, dass wir nach ein oder zwei Tagen plötzlich begannen zu verstehen, dass es Geiseln gibt. Und ich – während meines gesamten Militärdienstes hatte ich immer Angst vor einer solchen Situation, als Soldatin entführt zu werden, und ich habe mich immer beruhigt und gesagt:„Also wirklich, das wird im Leben nicht passieren. Und wenn doch, dann würden mich die Rettungskräfte innerhalb weniger Stunden retten. So etwas gibt es nicht, dass man eine Soldatin den Händen von Terroristen überlässt, die sie misshandeln.“ Und plötzlich sieht man Videos von kleinen Kindern, die dort ankommen und von einer Menschenmenge in Gaza angegriffen, gelyncht und gedemütigt werden. Und das hat vieles zerstört, denn bis zum 7. Oktober war unser Gärtner, der Gärtner meiner Eltern, aus Gaza. Er sitzt mit meinem Vater zusammen und sie essen vielleicht sogar gemeinsam. Ich bin den größten Teil meiner Kindheit mit Menschen aus Gaza aufgewachsen und wusste zwar, dass es Terror gibt, aber ich hatte keine Ahnung, wie tief der Hass sitzt. Ich habe mir immer wieder Hoffnungen gemacht, auch als eine wirklich gute Freundin aus meiner Kindheit… 2004 fand der Gaza-Abzug statt. Sie war dagegen, sie war religiös und war dagegen. Ich ging zur Schule mit Leuten die… Kinder, die ihr Zuhause verlassen mussten. Ich ging auf eine regionale Schule und einige der Kibbuzim oder Moschavim waren eigentlich in Gush Katif [Ansammlung von jüdischen Siedlungen im Gazastreifen]. Und obwohl meine Schulfreunde gezwungen waren, ihr Zuhause zu verlassen, sah ich das als… Nun ja, ein Opfer für den Frieden. Der Frieden ist das Wichtigste. Und hier kommt er gleich.
Ich erinnere mich – ich glaube, es war 2004, das gleiche Schuljahr, Ende 2004 – war der Gaza-Abzug, wenn ich mich recht erinnere. Und dann im Januar 2005 schlug eine Kassam-Rakete ein. Und tatsächlich wurde meine Freundin, dieselbe Freundin die sich gegen den Gaza-Abzug gewehrt hatte, ermordet. Im Grunde genommen, wurde sie durch die Kassam-Rakete getötet. Wir waren siebzehn Jahre alt. Es war das erste Mal, dass ich jemanden kannte… Ich kannte Menschen, die gestorben sind, wie meine Großeltern oder… auf natürliche Weise. Eine Lehrerin, die bei einem schrecklichen Verkehrsunfall ums Leben kam, aber plötzlich wurde diese Gefahr, mit der ich aufgewachsen war, sehr, sehr realistisch. Und ich erinnere mich, dass es an dem Abend, als es passierte, auch Shabbat war. Der Shabbat ist sehr bedeutungsvoll, denn auch als ich leicht durch eine Kassam-Rakete verletzt wurde, war es auch an einem Shabbat. Es gab noch einen Shabbat, an dem ich vor den Feuerbällen floh. So nenne ich es. Denn eine fünfminütige Fahrt dauerte eine Stunde, weil ich ständig das Auto anhalten, mich auf den Boden legen musste und Raketen fielen hinter mir, vor mir und zu meiner Linken. Und tatsächlich, an diesem Shabbat, als ich siebzehn war, wurde meine Freundin ins Krankenhaus gebracht. Ich ging hin, um nachzuschauen, denn es war eigentlich nur ein paar Meter von ihrem Haus entfernt passiert. Sie war mit ihrem kleinen Bruder auf dem Rückweg von einer Bnei-Akiva-Veranstaltung. Später erfuhr ich, dass sie ihn beschützt hatte, indem sie sich einfach auf ihn geworfen hatte, sodass er überlebte. Und ich stand einfach da, siebzehn Jahre alt, über ihrem Blut.Und selbst dann konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir eines Tages in eine Situation kommen würden, in der meine Stadt, die ich so liebe – die eine relativ ruhige und gemütliche Stadt ist, wenn es keine Kassam-Raketen gibt, und alle kommen so gut miteinander aus sind sehr herzlich und unterstützen sich gegenseitig – so eine kleine Stadt. Und ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Bilder und Videos von Leichen überall in der Stadt sehen würde, dass ich Geschichten von Freunden hören würde – in meinem Alter – die ihren Kindern die Augen zuhalten mussten, um zu fliehen.
Am 7. Oktober und am 8. Oktober war hier in Berlin Wochenende. Und ich denke auch, dass ich immer noch in so einem Aufruhr war, weil ich versuchte zu verstehen, was mit meiner Familie, mit meinen Eltern, los war, und ich nicht so recht begriff, was um mich herum vor sich ging. Und dann, am Montagmorgen brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten, weil das Leben hier weitergeht. Und ich erinnere mich dass ich der pädagogischen Assistentin erzählte und erklärte, was passiert war – in wenigen Worten, so gut es ging, da Kinder in der Nähe waren. Ich erklärte ihr im Grunde, dass seine Großeltern, die er kennt und bei denen er oft zu Gast ist, in ihrem Haus eingeschlossen und in Gefahr sind und dies ist der Ort, an den ich ihn bringe. Ich bringe ihn nach diesem schrecklichen Wochenende. Und irgendwie hatte ich – vielleicht keine Umarmung – erwartet, aber Empathie. Und heute verstehe ich, dass das nicht böse gemeint war, aber ihre Reaktion war „Okay“, und ich hatte nicht wirklich das Gefühl, dass sie verstanden hat, was ich gesagt habe. Also bat ich meinen deutschen Mann mit der Leiterin des Kindergartens zu sprechen, weil er sicherlich die richtigen Worte finden würde. Und das tat er auch, und sie sagte ihm tatsächlich, dass es schrecklich sei und sie gehört habe, dass etwas passiert sei und dass sie mit mir sprechen würde. Ich warte noch immer auf diesen Anruf. Sie sind ein wunderbares Team im Kindergarten, aber das hat mir viel über die Gesellschaft hier beigebracht. Ich dachte, ich würde langsam anfangen, mich in sie zu integrieren, und plötzlich wird mir klar, dass ich letztendlich immer eine Außenseiterin, eine Fremde bleiben werde. Ich habe nicht viel erwartet, da ich weiß, dass es Unterschiede zwischen der israelischen und der deutschen Kultur gibt. Von meinem engsten Umfeld hatte ich jedoch Anrufe und Nachrichten erwartet, um zu sehen, wie es mir geht, weil meine Familie in Gefahr ist und die ganze Welt, aus der ich komme.
Wir sind erst vor Kurzem, vor ein paar Wochen von dort zurückgekommen und das hätten wir sein… Die Vorstellung meines Buches sollte im Oktober stattfinden, aber wir haben sie einfach auf August vorverlegt, weil das mit den Kindergartenferien meines Sohnes zusammenfiel. Aber es hätte auch uns treffen können, und wenn nicht uns, dann meine Familie. Und ich war enttäuscht. Denn es gibt zwar kulturelle Unterschiede, aber ich dachte, die Menschen in meinem Umfeld seien mehr…, dass sie mir näher stehen. Vielleicht im Gegensatz zu anderen Israelis die heute in Berlin oder Deutschland leben, in den letzten zwanzig Jahren – ich habe mich nie bewusst dafür entschieden, nach Deutschland zu kommen. Ich bin hierhergekommen, weil ich mich in einen Deutschen verliebt habe, und das war zweifellos die beste Entscheidung meines Lebens. Also lerne ich in meinem Leben hier nun die Deutschen kennen. Und der deutsche Charakter unterscheidet sich oft sehr von der Kultur und den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Also hatte ich viel… Ich musste mich an vieles gewöhnen, und es gibt auch Dinge, die ich sehr liebe in Deutschland. Zum Beispiel das Recht auf Privatsphäre, das hier sehr stark ausgeprägt ist und für mich meistens hervorragend ist. Jeder lebt sein eigenes Leben. Wenn man ein persönliches Gespräch mit dem Partner führt, mischt sich nicht die ganze Straße ein. Das ist schön. Aber manchmal kann genau dieses Recht – oder besser gesagt, genau das, was ich hier in Deutschland lieben kann – schwierig sein, wenn es sich mit meiner Identität in Konflikt gerät, und die Identität, die ich an mir liebe, ist, dass ich Israelin und Jüdin bin. Und dann dieser Eingriff in … dieses Eindringen in meine Privatsphäre, diese Kategorisierung – es gibt viel Kategorisierung. Selbst wenn diese Kategorisierung manchmal gut gemeint ist, gibt es immer noch viel Schubladendenken dahingehend wer ich bin – wonach ich für die Deutschen oder für andere zu einer bestimmten Figur gemacht werde, für andere Menschen, die hier leben. Und manchmal würde ich mir wünschen, dass man mich zuerst als mich selbst – Adi – wahrnimmt. Als Mensch. In seiner Gesamtheit. Und wenn man dich zuerst als Teil einer Gruppe wahrnimmt, der du angehörst – insbesondere, wenn es sich um eine ethnische Gruppe handelt, die eine Minderheit ist, von der es nicht viele gibt und über die viel gesagt wird – wenn das passiert, dann entsteht ein Gefühl der Einsamkeit, das ich hier manchmal erlebe, vielleicht ein Gefühl der Entfremdung von dem Ort, zu dem ich mich zugehörig fühlen möchte. Und es entsteht ein Gefühl, dass man nicht genug ist.
Ich möchte in der Lage sein, in allen möglichen Situationen sagen zu können – selbst wenn es manchmal im Supermarkt ist oder Leute, die mich manchmal in allen möglichen Situationen fragen: „Moment mal, hast du einen Akzent?‘ Und ich habe definitiv einen Akzent, wenn ich Deutsch spreche. Das ist mir bewusst. Und ich würde mir wünschen, dass man mich nicht fragt: „Woher kommst du?“, sondern mich fragen würde wer ich bin? Was ich bin? Und das ist dort ständig präsent. Und nach dem 7. Oktober habe ich das Gefühl, dass man mir an das Label, das ohnehin schon „israelische Jüdin“ ist, mir an dieses Label eine sehr negative Konnotation angeheftet wurde, die in sehr schweren Fällen zu Beschimpfungen führen kann. Da ist ein gewisser Schmerz in dieser Kluft zwischen der Beleidigung oder der Beschimpfung, die mir entgegengeworfen wird – die ich nicht nur für falsch halte, sondern auch, dass sie den ganzen Schmerz, den ich im letzten Jahr erlebt habe, die meine ganze Welt erlebt hat, völlig ignoriert. Also versuche ich mich hier in Deutschland zurechtzufinden, vor allem, weil ich all die Jahre immer gesagt habe: „Na ja, egal was passiert, ich kann immer nach Hause zurückkehren.“ Ich kann nicht nach Hause zurückkehren. Das erste Mal, habe ich das Gefühl – obwohl ich das nicht bin und ich das nicht herunterspielen möchte – ich fühle mich auch ein bisschen wie eine Geflüchtete. Nicht, weil es finanziell so ist, und nicht, weil ich technisch gesehen nicht in ein Flugzeug steigen und in mein Zuhause in Sderot zurückkehren könnte, sondern weil mein Zuhause nicht sicher ist und ich nicht weiß, wann es das wieder sein wird. Also bin ich hier und möchte Teil der Gesellschaft sein, aber oft fühle ich mich von der deutschen Gesellschaft abgelehnt. Früher lag es daran, dass ich so anders bin, sowohl anders aussehe als auch einer anderen Religion angehöre. Und heute liegt es daran, dass mir dieses negative Label angeheftet wurde. Und es gibt viele Annahmen darüber, wer ich bin, die nicht – einfach nicht stimmen. Ich würde mir wünschen, die Menschen würden weniger vermuten und mehr fragen.