Das Projekt KOLOT – קולות – STIMMEN wurde 2024 als dokumentarisches und künstlerisches Vorhaben gegründet. Seither sammelt es Stimmen und entwickelt daraus narrative Videointerviews, die die Folgen der Massaker thematisieren und die Wirkung von Gewalt in jüdischen Biografien nachzeichnen. Die im Rahmen von KOLOT produzierten Videos sind zeitgeschichtliche Zeugnisse jüdischen Lebens in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023.
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Der 7. Oktober 2023 markiert eine tiefe Bruchstelle für die jüdische Gemeinschaft.
2024 gründete Marina Chernivsky das Projekt KOLOT, mit dem Ziel, ein zeitgeschichtliches Archiv zu entwickeln. In narrativen Videointerviews reflektiert das Projekt die Folgen des terroristischen Angriffs und beleuchtet die Gleichzeitigkeit und Nachwirkungen von Gewalt in jüdischen Biografien.
Das mit dem ELNET Award 2025 ausgezeichnete Projekt KOLOT zählt zu den ersten in Deutschland und Europa, die sich in dokumentarischer und künstlerischer Form mit dem 7. Oktober 2023 und seinen Auswirkungen auf die jüdische Gemeinschaft auseinandersetzen.
Die im Rahmen des Projekts entstandenen Videos bilden ein Mosaik persönlicher Erzählungen – individuelle Stimmen, die zugleich kollektive Zeugnisse jüdischen Lebens in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 abbilden.
KOLOT ist aus dem Anspruch der Zeugenschaft heraus entstanden und aus dem Bewusstsein einer Verantwortung: jüdische Stimmen hör- und sichtbar zu machen und sie zu bewahren. Indem den Erfahrungen sprachlich und medial Ausdruck verliehen wird, entsteht ein Akt der Selbstermächtigung.
Eröffnet wurde das Projekt im Oktober 2024 mit einer Auftaktveranstaltung im Jüdischen Museum Berlin. Im August 2025 werden die ersten Interviews erstmals in voller Länge veröffentlicht. Im November 2025 verlieh ELNET den Preis in der Kategorie Kultur an KOLOT.
Die Videointerviews von KOLOT gehen in die Sammlung des Jüdischen Museums Berlin ein. Das Projekt knüpft damit an die Tradition der oral history an, um jüdisches Erinnern als Zeugenschaft und als aktive Praxis festzuhalten.
Geplant sind 20 Videointerviews. Die Fortsetzung des Projekts ist angestrebt.
Das Projekt wird von OFEK e.V. getragen und durch die Förderung des Bundesministeriums des Innern ermöglicht.

Mehr Informationen folgen demnächst.
Der Trägerverein von KOLOT, OFEK e.V., ist die erste Fachberatungsstelle in Deutschland, die auf Antisemitismus und Communitybasierte Betroffenenberatung bei Gewalt und Diskriminierung spezialisiert ist. OFEK arbeitet bundesweit und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: 1.) fallbezogene Betroffenenberatung, 2.) Stärkung und Empowerment der Community, 3.) antisemitismuskritische Beratung für Institutionen, 4.) Advocacy und fachpolitische Interessensvertretung.
OFEK ist erreichbar über die bundesweite Hotline und verfügt über Beratungsstandorte in Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (im Aufbau). OFEK berät vertraulich und kostenfrei zum Umgang mit antisemitischen Vorfällen. Die Beratung von Betroffenen orientiert sich an den fachspezifischen Qualitätsstandards professioneller Opfer- und Antidiskriminierungsberatung. OFEK leistet Beratung zu rechtlichen Möglichkeiten im Umgang mit Antisemitismus, psychosoziale Betroffenenberatung bei Vorfällen und psychologische Beratung und Krisenintervention, fallbezogene Öffentlichkeitsarbeit und vermittelt bei Bedarf professionelle weiterführende Angebote. OFEK berät ungeachtet der strafrechtlichen Relevanz, stärkt die Ratsuchenden, richtet den Blick auf Handlungsmöglichkeiten und berücksichtigt in der Beratung familienbiografische Erfahrungen mit Antisemitismus und Diskriminierung. Fallbezogene Beratung ist stets parteiisch im Auftrag der Betroffenen und orientiert sich an ihren Wünschen und Bedürfnissen. Alle Angebote können auf Deutsch, Hebräisch, Russisch und Englisch in Anspruch genommen werden.
OFEK bietet darüber hinaus stärkende Gruppenberatung und passgenaue Empowerment-Formate an und leistet Awareness-Begleitung von Veranstaltungen. An Institutionen im Kultur- und Bildungsbereich, Verwaltungen und zivilgesellschaftliche Träger:innen richten sich OFEK-Formate der institutionellen Fachberatung zu Schutzkonzepten, Notfallplänen und Interventionsmanagement sowie zahlreiche Weiter- und Fortbildungsformate.
Presseanfragen: presse@ofek-beratung.de | +49 176 46 29 46 08
Es braucht nur Mut. Jüdische Allgemeine, 26.11.2025 (Link)
CPPD-Podcastfolge ERINNERUNGSFUTUR: Nicole Schweiß im Gespräch mit Marina Chernivsky. DialoguePerspectives Podcast, 04.09.2025 (Spotify | Apple Podcasts)
Über die Zäsur sprechen. Jungle World, 21.08.2025 (Link)
KOLOT – קולות – Jüd:innen in Deutschland die Stimme(n) zurückgeben. Radio Corax, 07.08.2025 (Link)
Das »Ofek«-Projekt »Kolot« dokumentiert Erfahrungen von Jüdinnen und Juden aus Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Jüdische Allgemeine, 07.08.2025 (Link)
Psychologin: Seit 7. Oktober leben Juden in “paralleler Realität”. Katholische Nachrichtenagentur, 06.08.2025 (Link zum Artikel in der Evangelischen Zeitung)
Projekt „Kolot“: Jüdinnen und Juden erzählen von Erfahrungen nach dem 7. Oktober. Deutschlandfunk/Tag für Tag, 06.08.2025 (Link).
Videoprojekt sammelt deutsch-jüdische Stimmen zum Nahostkonflikt. WDR 3 Mosaik, 06.08.2025 (Link)
OFEK startet Portal mit jüdischen Stimmen zu den Folgen des 7. Oktober. Evangelischer Pressedienst, 04.08.2025 (Link zum Artikel in der Jüdischen Allgemeine)
Gesammelte Stimmen – Projekt „Kolot“ erfasst Zeugnisse zum 7. Oktober. Deutschlandfunk Kultur/Aus der jüdischen Welt, 28.02.2025 (Link)
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Stand: 17. Juni 2025
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Dieser Tag hat vieles für mich verändert. Er hat meine Sicht auf die Welt verändert. Er hat auch mein persönliches Sicherheitsgefühl verändert, obwohl ich hier in Berlin bin. Mein zweites Zuhause ist Sderot. Und obwohl ich in einer Realität aufgewachsen bin, in der es immer Gefahren gibt – eine Gefahr in der schrecklichen Form, wie sie am 7. Oktober über uns hereinbrach, hätte ich nie gedacht, dass es jemals geben würde. Es ist… meine ganze Welt hat sich einfach an einem einzigen Tag auf den Kopf gestellt. Mein ganzes Leben lang – oder zumindest seit meiner Jugend – befand ich mich immer wieder in gefährlichen Situationen – alle möglichen Situationen, von denen die meisten natürlich mit Sicherheitsrisiken zu tun hatten, mit der Gefahr durch die Kassam-Raketen in Sderot, als Einwohnerin Sderots. Und später in der Armee im Zweiten Libanonkrieg. Am 7. Oktober war ich selbst nicht in Sderot – ich war in Berlin in meinem Zuhause. Doch meine Eltern waren dort, ebenso viele Freund:innen, Cousins und Cousinen, weitere Familienmitglieder, Bekannte, Lehrkräfte – eine ganze Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin und mit der ich bis heute verbunden bin. Denn obwohl ich hier lebte, war ich etwa zwei Monate im Jahr in Sderot. Also … ich habe in meinem Leben Gefahren erlebt, aber noch nie in einem solchen Ausmaß, dass ich das Gefühl hatte, dass … Entschuldigung, dass … ich das Gefühl hatte, kein Zuhause mehr zu haben, in das ich zurückkehren kann. Dass ich nicht – ich habe einen Sohn, der bald drei Jahre alt wird – ihn in sein zweites Zuhause mitnehmen kann. Ich hatte einfach mein Zuhause verloren. Und die Welt hat sich an diesem Tag wirklich verändert. Und ich erinnere mich, wie ich an diesem Tag aufgewacht bin. Es war nichts Neues für mich, dass es in der Familien-WhatsApp-Gruppe, besonders an den Wochenenden, am Schabbat, morgens so viele Nachrichten gab. Denn wir haben schon oft Situationen erlebt, in denen Kassam-Raketen in Sderot einschlagen. Und dann – obwohl ein Teil meiner Familie religiös ist – brechen wir natürlich den Schabbat, um auf dem Laufenden zu bleiben und sicherzustellen, dass vor allem meine Eltern – die ‚Vollzeit‘ in Sderot leben – so weit in Ordnung sind.
Normalerweise schaue ich mir die Unterhaltung an und gehe wieder schlafen, weil ich das schon kenne. An diesem Samstag – ich weiß nicht warum – hörte ich diese Pieptöne, diese Klingeltöne, und nahm an, dass es bestimmt darum geht, und sagte mir: „Gut, das wird bald vorbei sein – lass uns weiterschlafen.“Und ich schlief weiter. Ich umarmte meinen Sohn, der noch bei uns schlief, aber es hörte nicht auf, das Klingeln hörte nicht auf, die Nachrichten hörten nicht auf anzukommen – und das war schon seltsam. ch schaute auf das Telefon, und das Erste, was ich sah, war ein Video, das meine Nichte geschickt hatte: ein weißer Pick-up, der in der Nebenstraße – in der Straße meiner Eltern – stand, mit Terroristen, bewaffnet mit RPGs. In diesem Moment dachte ich für keinen Augenblick, dass dies der 7. Oktober sei, den alle jetzt kennen. Ich dachte, dass eine Terrorzelle eingedrungen sei – was in der Vergangenheit schon passiert ist – und neutralisiert würde; nicht sofort, aber innerhalb kurzer Zeit.
Also war ich natürlich sehr um meine Eltern besorgt und schrieb ihnen, sie sollten im Schutzraum bleiben, und sie sagten, sie seien dort seit dem ersten Raketenalarm. Den Schutzraum verließen sie drei Tage nicht und das Haus acht Tage lang nicht. Anstatt nur ein paar Minuten dort zu verbringen, wie wir es in den letzten mehr als zwanzig Jahren gewohnt waren – für kurze Zeit in den Schutzraum zu gehen und dann wieder herauszukommen, normalerweise sobald man den Einschlag der Rakete hört – blieben sie, ohne jede Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten, drei Tage lang im Schutzraum: mit sehr wenig Wasser, fast ohne Essen, ohne Strom, unter wahnsinniger Hitze. Obwohl es Oktober war, ist es in Sderot in Israel heiß. Es dauerte acht Tage, bis es gelang, sie aus dem Haus zu retten. Als sie am achten Tag schließlich darauf bestanden, gerettet zu werden, wagte es mein Vater – als ehemaliger Polizist; er war sogar Offizier in Rafah und kennt daher Gaza und die Gegend sehr gut. Er ging in den Garten, um etwas Luft zu schnappen und zu sehen, was los ist – es war bereits der achte Tag, den sie im Haus festsaßen. Plötzlich sah er einen Terroristen direkt vor sich rennen und hatte großes Glück, dass auch Polizisten vor Ort waren, die ihn verfolgten. Zu diesem Zeitpunkt – am achten Tag – waren bereits mehr Einsatzkräfte vor Ort, die den Terroristen vor den Augen meines Vaters neutralisierten.
Dann rief meine Mutter schließlich bei der Stadtverwaltung an und bat darum, dass man sie endlich evakuiert. Zuvor hatten sie gezögert – meine Eltern sind sehr sozial engagiert. Er als Polizist und sie als ehemalige Sozialarbeiterin und Leiterin eines Seniorenclubs sorgte sie dafür, dass zunächst all ihre Senior:innen in Hotels untergebracht und aus der Stadt gebracht wurden. Denn die Stadt konnte man zu diesem Zeitpunkt nur unter schwerer militärischer Begleitung verlassen. Denn die Kämpfe in der Stadt dauerten länger als eine Woche. Es war nicht so, dass es nur ein Tag war und dann alle die Situation unter Kontrolle hatten. In den Städten, insbesondere in Sderot und Ofakim, dauerte es eine Zeit. Schließlich konnte es meine Mutter nicht mehr aushalten und sagte: ‚Okay, es ist Zeit für uns. Wir haben anderen den Vortritt gelassen – Älteren, Familien mit Kindern. Jetzt wollen auch wir hier weg.‘“ Sie kamen für etwa zwei Wochen zu meinen Brüdern nach Dimona und wurden anschließend in ein Hotel gebracht. Erst dann brachte man sie in ein Hotel in Arad, wo sie fünf Monate blieben. Danach kehrten sie zurück, weil sie es einfach nicht mehr aushielten. Sie vermissten ihr Zuhause sehr – mein Zuhause, ihr Zuhause, etwas, auf das sie jahrelang hingearbeitet hatten, um es zu erreichen. Und das, obwohl Kassam-Raketen immer Teil der Realität waren – sie fühlten sich dennoch sicher.
Sderot ist unser Zuhause, ist unser aller Zuhause. Auch wenn ich hier in Berlin lebe, ist mein Herz immer noch in Sderot. Deshalb habe ich meine Buchvorstellung ganz selbstverständlich dort abgehalten, weil ich mich dieser besonderen Stadt weiterhin sehr verbunden fühle. Und auch nachdem sie zurückgekehrt sind, hatten sie – und haben immer noch – mit sehr starken Angstzuständen und viel Stress zu kämpfen. Mit Furcht. Ich versuche in den letzten Monaten, ihnen zu helfen.
Aber wenn wir zum Morgen des 7. Oktober zurückkehren – offenbar bin ich vom Thema abgekommen, doch ich hatte einen Grund, dem auszuweichen. Ich kenne mich. Und vielleicht war es mir gerade leichter, über logistische Dinge zu sprechen, als über Gefühle. Also kehre ich zum Bericht über diesen Morgen zurück. Ich sitze auf dem Bett und sehe dieses Video von einem Pick-Up mit Terroristen. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie und beginne, Nachrichten von meinen Freund:innen zu erhalten. „Habt ihr meinen Schwager gesehen? Habt ihr meinen Vater gesehen? Meine Brüder?“
In diesen Tagen, in den ersten nach dem 7. Oktober, haben wir begonnen – auch in Berlin –, ständig Krankenhäuser anzurufen und nach Namen zu fragen. Leider war keiner dieser Namen im Krankenhaus, weil er nur verletzt gewesen wäre. Ich kenne einen Mann, der verletzt wurde und überlebte. Alle anderen wurden entweder ermordet – und es dauerte sehr lange, bis sie identifiziert werden konnten – oder sie wurden nach Gaza entführt. Einige wurden freigelassen, und von anderen wissen wir, dass ihre Leichen dort sind. Über dreißig Menschen aus meiner Gemeinde, die ich kenne – darunter Lehrer:innen von mir, zum Beispiel meine Englischlehrerin, sogar Verwandte. Etwa anderthalb Stunden nach dem Video mit dem Pick-up schickte mir mein Vater eine Nachricht – nicht in der Familiengruppe, sondern in einer privaten Nachricht. Er sagte mir: „Die Situation ist ernster, es ist mehr als ein Pick-Up.“ Also frage ich ihn: „Was? Was könnte das sein?“ Ich konnte es mir nicht vorstellen. Er sagt mir, dass er ein Bild von seiner Schwester bekommen hat, das im Umlauf ist, denn eigentlich waren alle Bilder, alle Videos, alles war im Umlauf und für alle zugänglich. Gott sei Dank habe ich kein Telegram. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber bis heute habe ich viele, viele, viele Bilder und Videos gesehen, mit denen ich leben muss. Er schickte mir dann ein Bild von einem meiner Lieblingsorte in Sderot – der Stadtbibliothek. Anderthalb Monate früher war ich dort mit meinem Sohn. Am Eingang gibt es Obst, große Obstskulpturen, und ich spielte mit ihm. Meine ganze Kindheit war ich in der Bibliothek. Ich habe so gerne gelesen – ich war eine kleine „Nerdin” – sodass ich die Ausweise aller Familienmitglieder benutzte, um zehn Bücher pro Woche mit nach Hause nehmen zu können. Also verbrachte ich – die Bibliothekarin war eigentlich meine Babysitterin, ohne dafür bezahlt zu werden, weil ich dort viel Zeit verbrachte – dort sehr viel Zeit; es ist für mich ein sehr, sehr wichtiger Ort. Und immer, wenn ich meine Augen schließe – bis zum 7. Oktober –, und an die Stadtbibliothek in Sderot denke, dann ist da Glück, es ist ein sicherer Ort. Und mein Vater schickt mir am 7. Oktober ein Foto vom Schutzbunker, der danebensteht. Außerhalb des Schutzbunkers und darin – auf dem Foto sieht man Menschen, denen in den Kopf geschossen wurde, die versuchten zu fliehen. Und voller Blut, voller Blut. Und in diesem Moment wurde mir klar, dass hier etwas anderes vor sich geht. Ich bin Teil dessen, was an diesem Tag passiert ist. Ich musste mich sogar zurückerinnern und überhaupt an die Wochen danach, denn vieles davon war irgendwie verschwommen. Und ich wusste ziemlich schnell, dass ich das Bewusstsein dafür schärfen wollte, denn hier in Berlin ging das Leben, egal wohin ich ging, auf sehr schmerzhafte Weise weiter, wie immer. Selbst bei den Menschen, die mir nahestehen und in meiner Umgebung sind.
Und dann begann ich, als man mir ein Interview anbot, als jemand, der aus Sderot kommt, dessen Eltern. Ich wurde interviewt, ich glaube, für eine der Zeitungen hier. Es war zwei, drei Tage danach, als meine Eltern immer noch nicht sicher, immer noch im Schutzraum waren. Und wenn ich sie über WhatsApp anrufe – und so war es auch am 7. Oktober, aber auch zwei, drei Tage später – höre ich draußen Schüsse. Sie haben mich eigentlich stummgeschaltet, damit – Gott bewahre – die Terroristen, die an den Häusern, an ihrem Haus vorbeigehen, nichts hören, kein Geräusch hören. Und ich sehe meine Mutter auf der Kamera – eigentlich sehe ich sie kaum, weil es ein dunkler Raum ist, nur ein wenig Licht dringt durch die Ritzen herein – und ich sehe, wie verängstigt sie ist, und ich bin mit ihr zusammen verängstigt. Es ist fast so, als wäre ich mit ihnen im Schutzraum, obwohl ich das natürlich nicht war. Und während all dem bin ich mit ihnen über WhatsApp in Kontakt und versuche, mich über Freund:innen und Bekannte zu informieren und Menschen zu helfen. Ich hatte – Gott sei Dank – keine Ahnung, was wirklich geschah. Denn ich glaube, ich wäre zusammengebrochen, wenn wir in diesem Moment gewusst hätten, was tatsächlich passiert. Man kann das nicht, man kann das nicht verkraften.
Und was ich gemacht habe, war, Zeitungen Interviews zu geben. Ich erinnere mich, dass ich einige Monate später las, dass ich zum Beispiel für ein Buch interviewt worden war, welches im Oktober erscheinen sollte und sich mit Deutschland nach dem 7. Oktober beschäftigt.
Als ich vor der Veröffentlichung lesen durfte, was ich dazu gesagt hatte, war ich schockiert – weil ich mich nicht daran erinnern konnte. An vieles konnte ich mich nicht erinnern: an Dinge, die ich gesagt hatte, oder daran, wie ich mich verhalten hatte. Die Angst, die ich hatte, wenn wir, wenn ich das Haus verließ und Angst um mich und mein Kind hatte. In der Zeit danach herrschte große Ungewissheit. Und die ganze Zeit über gab es den Versuch, zu helfen, das heißt, ich muss mein Leben hier weiterleben und trotzdem versuchen dort zu helfen. Und dann erinnere ich mich, dass wir nach ein oder zwei Tagen plötzlich begannen zu verstehen, dass es Geiseln gab. Und ich – während meines gesamten Militärdienstes hatte ich immer Angst vor einer solchen Situation, als Soldatin entführt zu werden, und habe mich immer beruhigt und mir gesagt: „Also wirklich, das wird im Leben nicht passieren. Und wenn doch, dann würden mich die Rettungskräfte innerhalb weniger Stunden retten. So etwas gibt es nicht, dass man eine Soldatin den Händen von Terroristen überlässt, die sie misshandeln.“
Und plötzlich sieht man Videos von kleinen Kindern, die dort ankommen und von einer Menschenmenge in Gaza angegriffen, gelyncht und gedemütigt werden. Und das hat vieles zerstört, denn bis zum 7. Oktober war der Gärtner meiner Eltern aus Gaza. Er sitzt mit meinem Vater zusammen und sie essen vielleicht sogar gemeinsam. Ich bin den größten Teil meiner Kindheit mit Menschen aus Gaza aufgewachsen und wusste zwar, dass es Terror gibt, aber ich hatte keine Ahnung, wie tief der Hass sitzt. Ich habe mir immer wieder Hoffnungen gemacht, auch als eine wirklich gute Freundin aus meiner Kindheit… 2004 fand der Gaza-Abzug statt. Sie war dagegen, sie war religiös und war dagegen. Ich ging zur Schule mit Leuten, die ihr Zuhause verlassen mussten [im Zuge der Räumung israelischer Siedlungen im Gazastreifen]. Ich ging auf eine regionale Schule und einige der Kibbuzim oder Moschavim waren eigentlich in ‚Gush Katif‘ [Ansammlung von jüdischen Siedlungen im Gazastreifen]. Und obwohl meine Schulfreunde gezwungen waren, ihr Zuhause zu verlassen, sah ich das als… nun ja, ein Opfer für den Frieden. Der Frieden ist das Wichtigste. Und hier kommt er gleich.
Ich erinnere mich – ich glaube, es war 2004, das gleiche Schuljahr, Ende 2004 – war der Gaza-Abzug, wenn ich mich recht erinnere. Und dann im Januar 2005 schlug eine Kassam-Rakete ein. Und tatsächlich wurde meine Freundin ermordet. Im Grunde genommen, wurde sie durch die Kassam-Rakete getötet. Wir waren siebzehn Jahre alt. Es war das erste Mal, dass ich jemanden kannte… Ich kannte Menschen, die gestorben sind, wie meine Großeltern oder… auf natürliche Weise. Eine Lehrerin, die bei einem schrecklichen Verkehrsunfall ums Leben kam, aber plötzlich wurde diese Gefahr, mit der ich aufgewachsen war, sehr, sehr realistisch. Und ich erinnere mich, dass es an dem Abend, als es passierte, ebenfalls Schabbat war. Der Schabbat ist für mich sehr bedeutungsvoll, denn auch als ich durch eine Kassam-Rakete leicht verletzt wurde, geschah das an einem Schabbat. Es gab noch einen Schabbat, an dem ich vor den Feuerbällen floh – so nenne ich es. Eine fünfminütige Fahrt dauerte eine Stunde, weil ich ständig das Auto anhalten und mich auf den Boden legen musste, während Raketen hinter mir, vor mir und zu meiner Linken einschlugen. Und tatsächlich wurde an diesem Schabbat, als ich siebzehn war, meine Freundin ins Krankenhaus gebracht. Ich ging hin, um nachzusehen, denn es war nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt passiert. Sie war mit ihrem kleinen Bruder auf dem Rückweg von einer Bnei-Akiva-Veranstaltung. Später erfuhr ich, dass sie ihn geschützt hatte, indem sie sich auf ihn geworfen hatte, sodass er überlebte. Und ich stand einfach da, siebzehn Jahre alt, über ihrem Blut. Und selbst dann konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir eines Tages in eine Situation kommen würden, in der meine Stadt, die ich so liebe – eine relativ ruhige und gemütliche Stadt, wenn es keine Kassam-Raketen gibt, in der alle gut miteinander auskommen, sehr herzlich sind und sich gegenseitig unterstützen, eine kleine Stadt – zu einem solchen Ort werden würde.
Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Bilder und Videos von Leichen überall in der Stadt sehen würde, dass ich Geschichten von Freund:innen hören würde – Menschen in meinem Alter –, die ihren Kindern die Augen zuhalten mussten, um zu fliehen.
Am 7. Oktober und am 8. Oktober war hier in Berlin Wochenende. Und ich denke auch, dass ich immer noch in so einem Aufruhr war, weil ich versuchte zu verstehen, was mit meiner Familie, mit meinen Eltern, los war, und ich nicht so recht begriff, was um mich herum vor sich ging. Und dann, am Montagmorgen brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten, weil das Leben hier weitergeht. Und ich erinnere mich, dass ich der pädagogischen Assistentin erzählte und erklärte, was passiert war – in wenigen Worten, so gut es ging, da Kinder in der Nähe waren. Ich erklärte ihr im Grunde, dass seine Großeltern, die er kennt und bei denen er oft zu Gast ist, in ihrem Haus eingeschlossen und in Gefahr sind und dies ist der Ort, an den ich ihn bringe. Ich bringe ihn nach diesem schrecklichen Wochenende. Und irgendwie hatte ich – vielleicht keine Umarmung – erwartet, aber Empathie. Und heute verstehe ich, dass das nicht böse gemeint war, aber ihre Reaktion war „Okay“, und ich hatte nicht wirklich das Gefühl, dass sie verstanden hat, was ich gesagt habe. Also bat ich meinen deutschen Mann mit der Leiterin des Kindergartens zu sprechen, weil er sicherlich die richtigen Worte finden würde. Und das tat er auch, und sie sagte ihm tatsächlich, dass es schrecklich sei und sie gehört habe, dass etwas passiert sei und dass sie mit mir sprechen würde. Ich warte noch immer auf diesen Anruf. Sie sind ein wunderbares Team im Kindergarten, aber das hat mir viel über die Gesellschaft hier beigebracht. Ich dachte, ich würde langsam anfangen, mich in sie zu integrieren, und plötzlich wird mir klar, dass ich letztendlich immer eine Außenseiterin, eine Fremde bleiben werde. Ich habe nicht viel erwartet, da ich weiß, dass es Unterschiede zwischen der israelischen und der deutschen Kultur gibt. Von meinem engsten Umfeld hatte ich jedoch Anrufe und Nachrichten erwartet, um zu sehen, wie es mir geht, weil meine Familie in Gefahr ist und die ganze Welt, aus der ich komme. Wir sind erst vor Kurzem, vor ein paar Wochen von dort zurückgekommen und das hätten wir sein. Die Vorstellung meines Buches sollte im Oktober stattfinden, aber wir haben sie einfach auf August vorverlegt, weil das mit den Kindergartenferien meines Sohnes zusammenfiel. Aber es hätte auch uns treffen können – und wenn nicht uns, dann meine Familie. Und ich war enttäuscht. Denn es gibt zwar kulturelle Unterschiede, aber ich dachte, die Menschen in meinem Umfeld seien … mir näher. Vielleicht im Gegensatz zu anderen Israelis, die heute in Berlin oder Deutschland leben und in den letzten zwanzig Jahren hierhergekommen sind – ich habe mich nie bewusst dafür entschieden, nach Deutschland zu kommen. Ich bin hierhergekommen, weil ich mich in einen Deutschen verliebt habe, und das war zweifellos die beste Entscheidung meines Lebens. Also lerne ich in meinem Leben hier nun die Deutschen kennen. Und der deutsche Charakter unterscheidet sich oft sehr von der Kultur und den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Also musste ich mich an vieles gewöhnen, und es gibt auch Dinge, die ich in Deutschland sehr schätze. Zum Beispiel das Recht auf Privatsphäre, das hier stark ausgeprägt ist und für mich meist sehr positiv ist. Jeder lebt sein eigenes Leben. Wenn man ein persönliches Gespräch mit dem Partner führt, mischt sich nicht gleich die ganze Straße ein. Das ist schön. Aber manchmal kann genau dieses Recht – oder besser gesagt, genau das, was ich hier in Deutschland lieben kann – schwierig sein, wenn es sich mit meiner Identität in Konflikt gerät, und die Identität, die ich an mir liebe, ist, dass ich Israelin und Jüdin bin. Und dann dieser Eingriff in … dieses Eindringen in meine Privatsphäre, diese Kategorisierung – es gibt viel Kategorisierung. Selbst wenn diese Kategorisierung manchmal gut gemeint ist, gibt es immer noch viel Schubladendenken dahingehend, wer ich bin – wonach ich für die Deutschen oder für andere zu einer bestimmten Figur gemacht werde, für andere Menschen, die hier leben. Und manchmal würde ich mir wünschen, dass man mich zuerst als mich selbst – Adi – wahrnimmt. Als Mensch. In seiner Gesamtheit. Und wenn man dich zuerst als Teil einer Gruppe wahrnimmt, der du angehörst – insbesondere, wenn es sich um eine ethnische Gruppe handelt, die eine Minderheit ist, von der es nicht viele gibt und über die viel gesagt wird – wenn das passiert, dann entsteht ein Gefühl der Einsamkeit, das ich hier manchmal erlebe, vielleicht ein Gefühl der Entfremdung von dem Ort, zu dem ich mich zugehörig fühlen möchte. Und es entsteht ein Gefühl, dass man nicht genug ist.
Ich möchte in der Lage sein, in allen möglichen Situationen sagen zu können – selbst wenn es manchmal im Supermarkt ist oder Leute, die mich manchmal in allen möglichen Situationen fragen: „Moment mal, hast du einen Akzent?‘ Und ich habe definitiv einen Akzent, wenn ich Deutsch spreche. Das ist mir bewusst. Und ich würde mir wünschen, dass man mich nicht fragt: „Woher kommst du?“, sondern mich fragen würde, wer ich bin? Was ich bin? Und das ist dort ständig präsent. Und nach dem 7. Oktober habe ich das Gefühl, dass man mir an das Label, das ohnehin schon „israelische Jüdin“ ist, mir an dieses Label eine sehr negative Konnotation angeheftet wurde, die in sehr schweren Fällen zu Beschimpfungen führen kann. Da ist ein gewisser Schmerz in dieser Kluft zwischen der Beleidigung oder der Beschimpfung, die mir entgegengeworfen wird – die ich nicht nur für falsch halte, sondern auch, dass sie den ganzen Schmerz, den ich im letzten Jahr erlebt habe, die meine ganze Welt erlebt hat, völlig ignoriert. Also versuche ich mich hier in Deutschland zurechtzufinden, vor allem, weil ich all die Jahre immer gesagt habe: „Na ja, egal was passiert, ich kann immer nach Hause zurückkehren.“ Ich kann nicht nach Hause zurückkehren. Das erste Mal, habe ich das Gefühl – obwohl ich das nicht bin und ich das nicht herunterspielen möchte – ich fühle mich auch ein bisschen wie eine Geflüchtete. Nicht, weil es finanziell so ist, und nicht, weil ich technisch gesehen nicht in ein Flugzeug steigen und in mein Zuhause in Sderot zurückkehren könnte, sondern weil mein Zuhause nicht sicher ist und ich nicht weiß, wann es das wieder sein wird. Also bin ich hier und möchte Teil der Gesellschaft sein, aber oft fühle ich mich von der deutschen Gesellschaft abgelehnt. Früher lag es daran, dass ich so anders bin, sowohl anders aussehe als auch einer anderen Religion angehöre. Und heute liegt es daran, dass mir dieses negative Label angeheftet wurde. Und es gibt viele Annahmen darüber, wer ich bin, die nicht – einfach nicht stimmen. Ich würde mir wünschen, die Menschen würden weniger vermuten und mehr fragen.